Artist Statement (German)

Der Anfang

Mit einem Bild zu beginnen, ein Bild zu malen, lässt sich mit einer Reise in ein unbekanntes Land vergleichen. Man trifft Vorbereitungen, hat eine Vorstellung und eine ungefähre Reiseroute – ungefähr, weil die Erfahrung weiß, dass unweigerlich Unvorhergesehenes und Unvorhersehbares passieren wird. Man trifft Vertrautes und Bekanntes und auch scheinbar Gleiches, das bei näherer Betrachtung sich als Neues entpuppt.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird der ursprüngliche Plan unmöglich, er wird zur Skizze und der weitere Weg Verhandlungssache mit all den unterschiedlichen Gegebenheiten wie Form, Farbe, Verhältnis, …

Das Bild selbst wird Berater und Reiseführer.
Wenn es schweigt, um für sich selbst zu sprechen, ist die Reise beendet.
Dann ist es fertig – oder beleidigt.

Was zeichnet den Erfolg einer Reise aus? Der Antritt?

Notiz an mich:
Die Vorstellung ist tödlich, sie stellt sich zwischen das zu untersuchende Phänomen und verstellt den neugierig neutralen Blick.
Die Vorstellung ist tödlich, sie schiebt sich zwischen das zu Betrachtende und den Blick des Betrachters/der Betrachterin.
Es gibt kein Schauen ohne Blindheit durch Erwartung.

Man muss sich mit dem Entdecken begnügen und auf das Erklären verzichten.

Aufzeichnungen Georges Braque (1882-1963). [1]

Die Haltung, die man zu einem Phänomen hat, hat meist erschreckend wenig bis gar nichts mit ihm zu tun. Sie ist in erster Linie Prägung, Erziehung, Erwartung und erst in zweiter Linie unmittelbare Erfahrung. Will heißen: Wahrnehmung im Moment des Wahrnehmens.

Und Heraklit sagt:
Augen sind genaure Zeugen als die Ohren. [2]

[1] ZEITmagazin Nr.43. Hamburg: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG., 2015, S. 42.

[2] In: Jarman, Derek. Chroma: Ein Buch der Farben. Üs. Almuth Carstens. Berlin: Merve Verlag, 1995, S. 14.

Arbeitsweise

Neugierig beobachte ich die ersten zarten Pinselstriche. Warum sollte man sie verbergen? Sie sind der erste Bote, dass hier etwas wächst, etwas entsteht. Ich glaube nicht daran, dass ein Bild an Kraft verliert, wenn es das Geheimnis seiner Entstehung preisgibt. Das Geheimnis eines guten Bildes ist nicht das Handwerk und sicher nicht nur sein Handwerk. Alle Komponenten dürfen sichtbar bleiben.
Unzusammenhängend tauchen an verschiedenen Stellen der Leinwand nun diese Striche und Einfärbungen auf, die mich stark an schnelle Notizen erinnern. Es sind kleine isolierte Inseln und Gebiete. Wenn sie stark genug sind, werden sie sich annähern – vielleicht zusammenwachsen.
Den anfänglichen nicht existenten Raum zwischen den Inseln, den muss man allerdings ertragen können, ertragen lernen können, das Unberührte unberührt zu lassen.

Ungefärbtheit ist wohl ein größerer Indikator für das Ende der Welt, für ihre Hölle, als irgendein Schwarz. Das verstehen auch die Geographen, die unerforschte Segmente der Erdkuste weiß kennzeichnen. [3]

Anfänglich ist es noch unerforschtes Gebiet, das später durch die es umgebenden Flächen zu seiner Farbe findet. Manchmal möchten Segmente unerforscht bleiben. Man kann dem Leben nicht jedes Geheimnis rauben, ohne es zu zerstören.

You know at a certain point paintings paint themselves that is to say you just carry out, what it’s telling you to do. You can’t change it. [4]

[3] Ćosić, Bora. Ordnung des Umzugs: Von der Uneinigkeit zwischen Dingen und ihrem Zweck und ihren Zeichen. In: Lettre International: Europas Kulturzeitung. 110, Herbst 2015. Berlin: Lettre International VerlagsGmbH., S. 50.

[4] Dive Deep: Eric Fischl and the process of painting. Produced by PENNSYLVANIA ACADEMY OF THE FINE ARTS, Philadelphia, PA & CHECKERBOARD FILM FOUNDATION, New York, NY. 2012.